Meinung: Jena – alles harmonisch, oder?

Eigentlich wollte ich einen Artikel über die Berichterstattung zu dem aspekte-Beitrag des ZDF bringen. Der muss jetzt aber erst mal warten. Hier meine ganz persönliche Sicht auf die Dinge:

Als Person mit Migrationshintergrund, noch dazu aufgewachsen in Neulobeda, darf ich – glaube ich – eine erste-Hand-Meinung über diesen Bericht fällen.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive betrachtet, finde ich die Machart des Berichts einfach nur widerlich. Hier wird versucht auf dem Rücken einer Stadt für ein Buch zu werben (dessen Qualität ich jetzt nicht beurteilen mag; aufgrund der Plakativität des Berichts und der Äußerungen des Autors gehe ich jetzt aber nicht von einem Glanzstück der modernen Literatur aus).

Aber auch die Reaktion der Jenaer Bürger (hier gesammelt im Beitrag von Jenapolis.de) finde ich teilweise sehr unreflektiert.

Warum?

Nun, ich würde mir wirklich wünschen, dass die Geschehnisse der letzten paar Wochen kritischer reflektiert werden, als es jetzt gerade geschah. Und einfach mal festzustellen, dass eben nicht alles so super ist, wie es die Jenaer gerne haben würden.
Dabei gibt es mit den Fremden in Jena so einige Probleme:

  • Alltagsrassismus: Man mag es kaum glauben, aber Personen mit Migrationshintergrund, auch wenn schon lange in Jena oder Deutschland lebend, werden ständig mit Vorurteilen und “Witzen” konfrontiert. Trotz guter Ausbildung ist es für sie nicht einfach in Jena einer Beschäftigung nachzugehen.
  • Wenn von Integrationsleistungen gesprochen wird, handelt es sich meist um “gute Ausländer” (z.B. Studenten/Wissenschaftler von außerhalb). Dabei ist die Abbrecherquote unter Studenten in Jena vergleichsweise hoch.
  • Warum werden “Aufnahmelager” für die “bösen Ausländer” (Flüchtlinge und Asylsuchende) möglichst weit außerhalb von Jena positioniert, damit sie sich auch ja nicht in die Gemeinschaft integrieren können?
  • Warum werden Personen, die sich gegen Rechts stellen, von der Justiz ständig angegriffen und unter Generalverdacht gestellt?
  • Warum kommen viele Jenaer nicht mal mit ihren Nachbarn aus Erfurt klar und viele Erfurter nicht mit den Jenaern? Vorurteile gegen andere werden vor der eigenen Haustür aufgebaut!

Auf der anderen Seite bin ich aber froh, dass es in Jena auch ein Korrektiv gegen rassistische Bestrebungen gibt z.B. das Netzwerke gegen Rechts. Probleme dürfen nicht totgeschwiegen werden, sondern müssen offen ausdiskutiert werden damit es nicht zu neuen Vorurteilen z.B. bzgl. Ost vs. West kommt. So stellt auch der OB von Jena klar:

In der gegenwärtigen Diskussion über die Ursachen und über begünstigende Faktoren des Rechtsterrorismus führen Stigmatisierungen einzelner Städte in Deutschland nicht weiter. Ja, mit stigmatisierenden Urteilen würde man in fataler Weise Absichten und Aktivitäten radikalisierter Neonazis bestätigen oder gar aufwerten.

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