Ist eine Dokumentation mittels EtherPad sinnvoll?

Im Zuge der Tagung des interdisziplinären Promotionskolleg “Communication and Digital Media” und des dabei (von mir gestarteten und wesentlich) geführten EtherPads, kam die Frage auf, ob die Nutzung eines Etherpads überhaupt sinnvoll ist. Gerade auch bei Veranstaltungen, bei denen Referenten reden und eine Diskussion erwünscht ist.

Was ist ein Etherpad? Ich verweise hier auf den Wikipedia-Eintrag:

EtherPad ist ein webbasierter Editor zur kollaborativen Bearbeitung von Texten (collaborative real-time editor). Etherpad erlaubt es mehreren Personen, in Echtzeit einen Text zu bearbeiten, wobei alle Änderungen sofort bei allen Teilnehmern sichtbar werden. Dabei können die Änderungen der verschiedenen Bearbeiter farblich unterschieden werden. Eine weitere komfortable Funktion ist die Möglichkeit neben der Textbearbeitung im Bearbeitungsfenster zu chatten. [1]

Die Vorteile scheinen offensichtlich: zusammen basteln wir ein Textdokument und chatten nebenher noch darüber.

In dem konferenzbegleitenden Etherpad wurde darüber eine heiße Diskussion [2] geführt. Ich versuche zu den angesprochenen Punkten Stellung zu beziehen. Ich überlege mir auch gerne noch ein paar Kritikpunkte 🙂

Was genau bringt dieses Public Pad? Wer nicht wirklich dabei ist, kann von den teilweise sehr kruden Mitschriften nicht profitieren. Wer dabei ist, braucht die Mitschriften nicht.

  • Mitschriften sind grundsätzlich immer selektiv. Schon allein deshalb, weil die wenigsten alles 1:1 aufnehmen können. Deshalb bietet es sich an, mit dem Etherpad zusammen in der Gruppe Inhalte zusammenzutragen und gemeinsam aufzunehmen. Wie beim Mosaik entsteht peu-a-peu ein komplettes Bild.
  • Zudem bewirkt das Mitschreiben, dass man sich diese Fakten besser merkt und aufmerksamer dem Diskurs oder Vortrag folgen kann.
  • Das Mitschreiben zwingt den Mitschreiber zudem dazu, dass Gesagte pointiert zusammenzufassen. Dadurch können einige Fakten auch sehr subjektiv aufgefasst worden sein. Das bedeutet aber nicht, dass die ganzen Mitschriften subjektiv sind. Grundsätzlich bemühe ich mich um Objektivität. Meine subjektive Sichtweise birgt keinen Erkenntnisgewinn; dann brauche ich auch nicht auf eine Konferenz zu gehen und mitzuschreiben. Meine eigenen Gedanken/die eigenen Gedanken der anderen sollten immer gut sichtbar von den Mitschriften des Gesagten abgegrenzt stehen.
  • Etherpads können darüber hinaus auch verwendet werden, um erste Inhalte zusammenzutragen und zu strukturieren. Durch die farblichen Markierungen kann nachvollzogen werden, welche Inhalte von wem stammen. So lässt sich auch gut nachvollziehen, was die ursprüngliche Form eines Textes ausgemacht hat und welcher Gedanke welchem Erkenntnisprozess zu Grunde liegt. Denn glücklicherweise besitzen diese Pads auch eine Zeitleiste, die den temporären Verlauf der Dokumentation wiedergeben.

Über ein Pad mitlesen ist so sinnvoll wie die Vorlesungsnotizen eines anderen lesen: Es bringt wenig, wenn es nicht die eigenen Notizen sind.

  • Ein Pad ist besser als kein Pad. So können auch Leute mitlesen, die nicht vor Ort sind. Durch oben genannte Kollaboration ist es möglich, ein kompletteres Bild einer Vortrags/Diskurses zu erhalten. Denn wie gesagt: Durch Selektionsprozesse (Verstehen, Müdigkeit, Anwesenheit etc.) können nie alle Daten aufgenommen werden (auch bei den Zuhörern nicht!).
  • Es gab auch sehr viel positive Kritik von Twitterern, die mitgelesen haben. Zeitweise waren bis zu 7 Personen in dem Pad unterwegs. Einige haben positive Kommentare hinterlassen. Vielleicht haben auch welche Seiten daraus genommen und kopiert. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Klar, die Twittosphere ist begeistert und liest aus der Straßenbahn mit – aber: Wie hoch ist denn der wirkliche Erkenntniswert?

  • Dies ist zunächst eine subjektive Frage: Was nehme ich als Leser von der Mitschriften mit? Diese Frage muss wohl jedem Leser selbst gestellt werden.
  • Ich führe in erste Linie so ein Pad, um das Gesagte aufzuschreiben und (auch aus Selbstzweck) für mich aufzubewahren. Ich bin auch dankbar, dass noch Links zu entsprechenden Literaturempfehlungen eingefügt wurden. Sicherlich kann man sich Präsentationen auf von Referenten geben. Aber bis man alles zusammen hat, vergisst man auch wieder viel und vor allem den Überblick.

Man muss vielleicht nicht alles dokumentieren, sondern auswählen. Das wäre auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit manchmal sinnvoller. Die mediale Avantgarde treibt – so mein Eindruck – jeden Tag eine neue digitale Sau durchs Netz

  • Nachhaltigkeit ist ein absolutes Unwort. Es kommt aus dem Bereich “Umwelt” und wird seitdem auf alle möglichen Sachverhalte angewendet. Es hat sich inhaltlich schon total entleert. Was soll in diesem Zusammenhang “nachhaltig” sein? Das gleiche Argument könnte dann auch für Handouts gelten, die meist eh 1-2 Wochen nach Präsentationsende weggeworfen werden (oder länger aufgehoben werden aus einem schlechten Gewissen).
  • Zudem werden Pads schon seit Jahren aktiv genutzt.

ähnlicher Fall: Twittern während eines klassischen Vortrags, wenn der Vrtragende das nicht mitbekommt. Das ist erstens unhöflich und zweitens etwas, was kein Lehrer seinen Schülern erlauben würde. Beim ecbi11 hatte Tillmann schwierigkeiten, Blickkontakt zum Publikum zu bekommen, weil fast alle auf ihre iPhones starrten.

  • Das mit der Ablenkung ist natürlich ein guter Punkt. Man sollte deshalb vermeiden, alles zu versuchen um wortwörtlich mitzuschreiben. Kommt natürlich auch drauf an, ob man eher der visuelle oder der auditive Typ ist. Da kann so ein Pad oder ein Tweet eine gute Gedächtnisstütze darstellen.
  • Meiner Erkenntnis nach haben teilweise die Referenten zu viele Informationen auf den Folien (das passiert mir auch immer). Also: wenn ich die Fakten nicht innerhalb weniger Sekunden erfasse, sondern 5 Minuten brauche, um sie aufzunehmen, dann könnte es auch einfach an der Präsentation liegen 🙂
  • Twitter ist mit einem Pad auch nicht zu vergleichen. Twitter fast kurz zusammen, führt eine Meta-Diskurs (“Klotweet”) und regt teilweise zum Dialog an.

Natürlich gibt es an so einen Pad viel zu kritisieren. Es muss nicht das Non-plus-ultra sein; hat seine Macken und eine allzu große Abhängigkeit kann zu Problemen führen [3]. Vielleicht gibt es nächstes Jahr schon bessere Möglichkeiten der Dokumentation. Trotzdem bin ich momentan ganz froh, auch diese Technik aktiv nutzen zu können.

Was ich mir deshalb für ein Etherpad wünsche:

  • Kommentarfunktion: Ähnlich wie bei Office-Anwendungen sollte es die Möglichkeit geben, einfache Kommentare einzufügen.
  • Die parallele Arbeit in Pads müsste durch mehrere Bildschirme erweitert werden. (z.B. Dokumentation, Links, eigene Anregungen)
  • automatische Rechtschreibkontrolle 😉
  • unterschiedliche Schriftgrößen

[1] Seite „EtherPad“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. November 2011, 07:15 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=EtherPad&oldid=96423735 (Abgerufen: 26. November 2011, 20:41 UTC)
[2] Bei den Anmerkungen handelt es sich um die wörtlichen Zitate eines sogenannten “Hartmuts”.
[3] Durch das sogenannte “Padgate” – der Abschaltung von Padservern der Piratenpartei Deutschland – waren die Pads der Partei für etwa einen Tag nicht mehr verfügbar. http://www.golem.de/1111/88000.html (Abgerufen: 26. November 2011, 21:00 UTC) Deshalb lohnt es sich, wichtige Daten, die im Pad bearbeitet wurden, noch einmal extern zu sichern.

Advertisements

One response to “Ist eine Dokumentation mittels EtherPad sinnvoll?”

  1. Jörg Eisfeld-Reschke (@joergeisfeld) says :

    Schöne Zusammenfassung der Argumente, lesenswert!
    Den besten Einsatz von Ehterpads habe ich bislang auf einem deutsch-französischen Jugendbarcamp erlebt: Die Jugendlichen nutzen zu 99% erstmals ein Etherpad. In einer Session mit 60 Jugendlichen fand die Diskussion auf drei Ebenen statt: mündlich, auf Twitter und im Etherpad. Das Etherpad war zugleich ein Ort der Dokumentation (an der sich +20 Personen beteiligten!) und der erweiterten Debatte. Themenstränge, die in der großen Gruppe nicht mehr verfolgt wurden, fanden ihre Fortsetzung im Etherpad. Begriffsdefinitionen im deutsch-französischen Kontext wurden hier erläutert, teilweise Verständnisfragen geklärt und vor allem weiterführende Links gesammelt. Damit hat das Etherpad die Intensität und Teilhabe der Gruppe deutlich erhöht – denn auf der mündlichen Diskussionsebene können erfahrungsgemäß höchstens zwei Menschen gleichzeitig sprechen…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: