Wir und die BILD – Wie sollte man mit verzerrter Berichterstattung umgehen?

Ich habe zwischen Ende 2010 bis Anfang 2012 in dem interdisziplinären Projekt “Lebenswelten junger Muslime” mitgewirkt.
Das Projekt wurde von dem Bundesinnenministerium (BMI) gefördert. Leider ist die Studie nur noch unter dem Claim “Schock-Studie” bekannt. Ich will mal versuchen die Geschehnisse aufzuarbeiten, mein persönliches Empfinden1 zu schildern und Handlungsempfehlungen in puncto Wissenschaftskommunikation zu geben.

Veröffentlichung und Pressemitteilungsfail

Die Veröffentlichung des Projektabschlussberichts in Buchform war für den 1. März 2012 geplant. Unsere projektgruppeninterne Pressemitteilung war zu diesem Zeitpunkt (und eigentlich schon Monate davor) fertig. Da uns bewusst war, das Studien aufgrund ihrer Komplexität falsch verstanden werden können, war die Formulierung dieser Zeilen sehr behutsam mit viel Fingerspitzengefühl.

Leider ging diese Pressemitteilung nicht zuerst an die Medien. Durch ein Leck im BMI gelangten die Kernergebnisse einen Tag vorher (29.02.2012) in die Online-BILD. Wie sich später herausstellte, geschah dies nicht ganz so zufällig, wie zuvor behauptet.

Wenn BILD zuerst die Meinung macht, hat man schon verloren

Welche Auswirkung auf die öffentliche Meinung hatte die erste Publikation der Studie über BILD Online?
Nun, zunächst sticht die BILD-typische Verwendung von Hyperbeln (“Schock-Studie”) und die Verwendung des Fotos eines Vermummten ins Auge. Das erzeugt beim Leser zunächst Angst. Emotion. Die sich festsetzt.
Dabei ist zu bedenken, dass BILD eine ungemein große Leserzahl erreicht. So hatte BILD.de laut IVW über 212 Millionen Visits im Februar 2012 und damit das meistgeklickte “Informationsmedium” schlechthin in diesem Monat – wie auch in den Monaten zuvor2. Am nächsten Tag brachte die Offline-BILD die Schlagzeile auf Seite 2, bei einer Reichweite von 12 Millionen Nutzern. Wir können davon ausgehen, dass der dort gebildete Eindruck haften bleibt, sich in einer festen Meinung manifestiert, vielleicht sogar zu einem Vorurteil wird und sich nur schwer durch neuen Input wieder verändern lässt. Was folgten waren immens viele Medienauftritte der beteiligten Professoren, die das von BILD erzeugte “Bild” wieder gerade rücken mussten. Mich würde in diesem Zusammenhang wirklich einmal interessieren, ob dabei eine Revidierung der ursprünglichen Meinung in der Köpfen der Rezipienten stattfand, oder doch alle Müh’ vergeblich war.

Von außen betrachtet lässt sich sagen: die BILD hat mit Aufmachung und Verwertung genau den Job getan, den sie immer erledigt. Glückwunsch?

Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?

Vor jeder Veröffentlichung – insbesondere wenn es sich um die Publikation einer Studie mit sensiblen Ergebnissen geht – sollten sich Forscher über eine genaue Öffentlichkeitsstrategie Gedanken machen. Dafür gibt es bereits die Pressestelle bzw. den Pressesprecher einer Institution. Diese Informations- und Beratungsstelle kann in diesem Fall auch Tipps für Medieninterviews geben.

Ich würde mich ja freuen, wenn auch verstärkt die Wissenschaftskommunikation als Mittler zwischen Pressestelle und Forscher etabliert werden würde. So können beide Anforderungen perfekt abgestimmt werden: Studienergebnisse werden leicht verständlich und unmissverständlich offensiv an die Öffentlichkeit getragen. Diese Strategien müssen dann auch direkt mit möglichen Drittmittelgebern abgesprochen werden. Das Problem bei solchen “strategischen Planungen” sind Zufälle, plötzliche Planänderungen etc. Die lassen sich nur mit der Einbringung eines Puffers bewältigen.

Etwas positives?

Ich habe mich insbesondere über das differenzierte Medienecho gefreut, z.B. im Bildblog.
Es wird sicherlich noch einige wissenschaftliche Arbeiten über diesen Fall geben. Darauf bin ich ebenfalls sehr gespannt.
Leider stellte sich die BILD-typische Verwertung der Studie als selbsterfüllende Prophezeiung dar: So äußerten die befragten Muslime, dass vor allem die hetzerischen Medien Vorurteile ihnen gegenüber heraufbeschwören. Sie sollten wieder einmal recht haben.

Die Studie ist komplett hier zu finden.

Eine Kurzzusammenfassung findet sich hier. Die Kurzmeldung findet sich hier.

—-

1 Disclaimer: Hier handelt es sich um meine eigenen Schilderungen und Deutungen der Situation.
2 Pure Klickzahlen sagen selbstverständlich nichts über die Wirkung eines Mediums aus!

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