Befragungen als Meinungsfindungstool im politischen Entscheidungs-prozess

Die momentan immer stärker kommende Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung in Deutschland führt zu einer wichtigen Diskussion um die Instrumente, um Meinungen zu erheben und damit Entscheidungen zu treffen.

Eines dieser Instrumente ist die klassische Befragung. Hier werde ich mal meine Gedanken bzgl. der Vor- und Nachteile dieser Methode im politischen Entscheidungsprozess niederschreiben. Dieser Text befindet sich work in progress. Bei neuen Erkenntnissen und Impulsen, werde ich ihn gerne weiter ausbauen.

Grundgesamtheit und Stichprobe

Ist die Grundgesamtheit bekannt (z.B. alle Wähler), können relativ einfach alle zu befragenden angeschrieben werden. Auch können gezielt (falls notwendig) bestimmte Bevölkerungsgruppen befragt werden. Problematisch ist in beiden Fällen die häufig sehr niedrige Rücklaufquote.

Modi

Die relativ einfache Implementierung von Online-Befragungen (z.B. durch LimeSurvey) macht eine Durchführung in diesem Modus sehr einfach und attraktiv. Allerdings können wir nicht davon ausgehen, dass jede Person der jeweiligen Grundgesamtheit (a) einen Internetanschluss privat oder beruflich besitzt und (b) dort auch regelmäßig seine E-Mails checkt. Das traditionelle Verfahren der schriftlichen Befragung bzw. Befragung in einem Wahlbüro, würde um den Preis der hohen Kosten das Problem lösen.

Fragestellung

Dies ist für mich der Knackpunkt innerhalb des Verfahrens. Mit sehr viel Sorgfalt müssen die zu beantwortenden Fragen ausgewählt werden. Folgende Effekte können sich bei einer unglücklichen Frageformulierung einschleichen:

– unbekannte Begriffe, die zur “Falsch”- bzw. Antwortverweigerung führen
– tendenziöse Fragen, die schon eine bestimmte Richtung der Antwort intendieren (“Suggestivfragen”)
– Fragen die mehrere Dimensionen bzw. Sachverhalte abfragen
– doppelte Verneinungen, die zu Verwirrungen führen können
– Befragung als ein “geschlossenes System” kann zu Frustration bei den Befragten bzgl. der Fragen führen
– Kommentarfelder einbauen
– …

Ich will das ganze mal an einem Beispiel illustrieren. So fragte die bayerische Piratenpartei bzgl. eines Beschlusses auf dem Bundesparteitag 2011 der Piratenpartei ihre Mitglieder:

  1. Kannst du dich als Mitglied der Piratenpartei mit der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) identifizieren?
  2. Würdest Du heute für den Antrag PA284 stimmen, der auf dem Bundesparteitag in Offenbach angenommen wurde?

Die Befragung sollte darauf abzielen, die Basis (alle Mitglieder der Piraten Bayern und nicht ) nach ihrer Meinung und ihrem Abstimmverhalten zu befragen.

Der Begriff “identifizieren” in der ersten Frage lässt im unklaren, wie der Befragte tatsächlich zu dem BGE steht. Bedeutet eine Zustimmung zu 1. ein “ja” oder eher ein “nein” zum BGE? Zudem gibt es viele verschiedene Ansätze bzgl. des Konstrukts BGE. Welches ist das gemeint? Dies geht einher mit einer fehlenden Begriffsdefinition.

Bei der zweiten Frage fehlt der Filter. Hier wäre es gut in Erfahrung zu bringen, ob der Befragte in Offenbach mitgestimmt hat. Dann wäre sein damaliges und eventuell sein jetziges Abstimmergebnis ein guter Vergleichsfaktor. Man hätte in diesem Schritt außerdem prüfen können, wie stabil sich die Meinung gegenüber diesem Antrag verhält. Befragte, die nicht auf dem Parteitag waren und auch nichts über die Abstimmung wissen, könnten durch den Zusatz “der auf dem Bundesparteitag in Offenbach angenommen wurde” in ihrer Meinungsfindung beeinflusst werden. Zudem wäre es besser gewesen, den Antrag nicht zu verlinken, sondern direkt in das Layout der Befragung einzugliedern.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich viele Befragte einem Fragebogen wehrlos ausgeliefert fühlen, wenn sie sich nicht gegen die Aussagen der Fragen stellen können. Deshalb sollte vor und während der Konstruktion eines Fragebogens darauf eine große Sensibilität und Sorgfalt verwendet werden. Kommentarfelder helfen, diese “Hilflosigkeit” der Befragten zu kanalisieren. Jedoch müssen die Aussagen auf jeden Fall ausgewertet und anschließend diskutiert werden.

Fazit

Befragung – mit höchste Sensibilität angefasst – sind auf jeden Fall ein Instrument der Meinungsentscheidung, schon allein aufgrund ihrer Ausschöpfungsquote. Sie stehen aber am Ende eines Meinungsfindungsprozesses, der eine gute Basis für diese Befragung bilden muss.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: